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03.07.2014

Brain übernimmt Naturstoffspezialisten Analyticon

Strategischer Schulterschluss in der Biotech- und Chemiebranche: Die Brain AG aus Zwingenberg, ein Pionierunternehmen für Industrielle Biotechnologie, übernimmt die Mehrheit am Naturstoffspezialisten Analyticon Discovery GmbH in Potsdam. Dies gaben die beiden Unternehmen am 3. Juli bekannt. Vor allem im Kosmetik- und Lebensmittelbereich wollen sie künftig mit einem gemeinsamen Angebot punkten, aber weiterhin unabhängig voneinander agieren. Brain war bisher darauf spezialisiert, Mikroorganismen mit für Industrieprozesse relevanten Enzymaktivitäten auszustatten. In den Substanzbibliotheken von Analyticon finden sich hingegen zahlreiche Naturstoffe mit definierten Eigenschaften.

In zahlreichen Industriesektoren wird der Ruf nach biotechnologischen Lösungen immer lauter. Die Produktion von komplexen Chemikalien in Mikroorganismen ist häufig umweltschonender und preiswerter als die chemische Synthese unter extremen Bedingungen in Großanlagen. Immer häufiger entscheiden sich Verbraucher gezielt für biobasierte Produkte. Die Halbzeitkonferenz Bioökonomie in Berlin zeigte Anfang Juni in einer großen Ausstellung, wo im Alltag schon heute bioökonomische Produkte zum Einsatz kommen.

„Blick über den Tellerrand hinaus“

Es steht außer Frage: In Zukunft dürfte die Biotechnologie in weitere Bereiche vordringen. „Die Suche nach biologischen Lösungen ist ein zentraler Trend in den verarbeitenden Industrien“, sagte Holger Zinke, der Vorstandsvorsitzende von Brain im Interview mit dem Branchenmagazin |transkript. „Um diese Lösungen zu finden, brauchen wir aber auch spezielles Chemie-Know-how.“ Daher also die Übernahme von Analyticon Discovery. Auch der Chef des Potsdamer Unternehmens sieht seine Firma durch die Transaktion gestärkt. „Gemeinsam können wir über den Tellerrand der Biologie hinaus nach möglicherweise besseren Lösungen mit Hilfe der Chemie suchen – oder eben auch umgekehrt“, so Lutz Müller-Kuhrt. Tatsächlich scheinen sich die Stärken der beiden Firmen optimal zu ergänzen. Auf der einen Seite Brain: Die Zwingenberger sind mit ihren Metagenom-Bibliotheken vor allem darauf spezialisiert, Mikroorganismen für Industrieprozesse mit relevanten Enzymaktivitäten auszustatten. Auf diese Weise lassen sich dann beispielweise Bakterien herstellen, die auf biologischem Wege Seltenerden-Metalle aus Erzen lösen. Erst im März hatte das Unternehmen eine strategische Partnerschaft mit der Seltenerden Storkwitz AG auf den Weg gebracht, um eine Biomining-Pilotanlage aufzubauen. Auf der anderen Seite steht die  Analyticon Discovery GmbH. In den Naturstoff-, Mikroorganismen- und Pflanzenbibliotheken der Potsdamer schlummern tausende Substanzen mit definierten Eigenschaften.

Strategische Allianz zu bioaktiven Stoffen

Derzeit sucht das Unternehmen beispielsweise nach Stoffen, die Lebensmitteln zugefügt werden können, um bitteren Geschmack zu maskieren. Bereits in der Vergangenheit haben die beiden Unternehmen miteinander kooperiert, zum Beispiel im Rahmen der vom Bundesforschungsministerium geförderten  "Innovationsinitiative industrielle Biotechnologie". In der von Brain koordinierten strategischen Allianz Natural Life Excellence Network 2020 (NatLifE 2020) haben sich 22 Partner aus Wirtschaft und akademischer Forschung das Ziel gesetzt, eine neue Generation natürlicher, bioaktiver Wirkstoffe für die Lebensmittel- und Kosmetikindustrie zu entwickeln. Innerhalb von neun Jahren sind rund 30 Millionen Euro für Forschungs- und Entwicklungsprojekte in der Allianz vorgesehen.

Milliardenmärkte im Blick

Mit den kombinierten Substanzbibliotheken bedienen Analyticon und Brain Milliardenmärkte. So wurden im vergangenen Jahr nach Berechnungen des Marktforschungsinstitutes IAL Consultants rund 13,4 Milliarden Euro im Bereich der Geschmacks- und Duftstoffe umgesetzt. Im Rahmen von NatlifE 2020 arbeiten sowohl Brain als auch Analyticon zum Beispiel an Antibitterstoffen. Für sie dürfte aber auch der Kosmetik-Markt interessant sein. Mit Kosmetik-Inhaltsstoffen und Aromachemikalien wurden im vergangenen Jahr rund 4 Millarden Euro weltweit umgesetzt. „Die Verbindung von Brains Wissen um biologische Aktivitäten mit Analyticons Schutzrechten an attraktiven Substanzen, ist eine Kombination, die uns gut gefällt“, bestätigt denn auch MIG-Vorstandsmitglied Matthias Kromayer. Die MIG-Fonds zählen zu den wichtigsten Investoren der Brain AG. Die Analyticon-Beteiligung sei ein wichtiger Puzzlestein in der Strategie von Brain zum Aufbau neuer Unternehmensbereiche.

Einstieg bereits im November

Bereits im vergangenen November wurde Brain – unter dem Radar der Öffentlichkeit – Mehrheitseigner bei Analyticon. Die Analyticon-Gesellschaftsanteile wurden von den bisherigen langjährigen Investoren Berlin Capital Fund (BCF), Sobera Capital und der Kapitalbeteiligungsgesellschaft Berlin-Brandenburg sowie weiteren Gesellschaftern an Brain verkauft. Die nun herausgekauften VC-Fonds seien teilweise seit Gründung des Unternehmens vor 14 Jahren in Analyticon investiert gewesen, berichtet Firmenchef Müller-Kuhrt. Auch wenn es dabei nie Grund zur Klage gegeben habe – nun, da die Entscheidung zugunsten eines neuen strategischen Partners statt zusätzlicher Finanzinvestoren gefallen ist, sieht Müller-Kuhrt sein Unternehmen gestärkt: „Ich kann jetzt mit jemandem über die Entwicklung des Unternehmens sprechen, der etwas von der Branche versteht.“

Quelle: biotechnologie.de/bk

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